"KURIER"-Kommentar von Helmut Brandstätter: "Merkel darf führen,
nicht nur mit Geld"
Europa schaut auf Angela Merkel. Sie hat nicht so viel Geld wie
ihre Vorgänger
Wien (PKU - 29.06.2012 17:00 Uhr) Helmut Schmidt und Helmut Kohl, die beiden deutschen
Kanzler, waren so verschieden, wie Menschen nur sein können. Schmidt
(SPD) regierte von 1974 bis 1982 und erklärt noch in hohem Alter
gerne die Weltwirtschaft. Kohl (CDU) hatte das Glück, anschließend 16
Jahre an der Macht zu sein - und das Geschick, den Weltmächten die
deutsche Einheit abzuringen.
So unterschiedlich die Kanzler waren, so konsequent lebten sie
die außenpolitische Doktrin der Bundesrepublik, die ungefähr so
lautete: Deutschland ist ein Mitglied der westlichen
Wertegemeinschaft, das politisch unauffällig bleibt und seine
wirtschaftliche Stärke zur Lösung von möglichen Konflikten einsetzt.
Und wie das funktionierte: Die britische Premierministerin
Margaret Thatcher rief zur Beruhigung der konservativen Europagegner
zu Beginn eines Gipfeltreffens immer:"I want my money back!" Und am
Ende wurde ihr ein Scheck ausgestellt, unterschrieben vom deutschen
Kanzler. Strukturfonds für die südlichen Länder wurden vorzugsweise
mit deutschem Geld befüllt, und als es bei den
Beitrittsverhandlungen von Spanien und Portugal stockte, kam Helmut
Kohl - und zahlte.
Dass die Deutschen auch für das unerwartete Geschenk der Einheit
des gesamten Volkes im Zuge der Umbrüche von 1989 zahlen würden, war
klar. Aber die weiteren Folgen, der Euro und die europäische
Schuldenkrise, die hatte so niemand vorhergesehen. Nur macht sie die
deutsche Nachkriegsdoktrin plötzlich zunichte. Deutschland kann nicht
alleine für die Schulden in ganz Europa aufkommen, muss aber
politisch aktiv werden. Und schneller als gedacht wird von
verantwortungslosen Medien und populistischen Politikern das Bild vom
bösen Deutschen ausgepackt. Es ist erschreckend, wie gut das
funktioniert.
Deutschland ist historisch gesehen etwas ganz Besonderes. Als die
anderen Nationalstaaten in Europa zum Großteil gefestigt in ihren
Grenzen lebten, erholten sich die Deutschen noch von den
napoleonischen Kriegen. Das Erste Deutsche Reich von 1848 war nur
von kurzer Dauer, Bismarck führte Kriege für das Zweite Reich und
Hitlers Drittes Reich brauchte nicht tausend Jahre, sondern nur kurze
Zeit, um einen Weltenbrand auszulösen. Mit dieser Geschichte will
kein Volk auffallen, erst recht nicht, wenn es wirtschaftlich so
stark ist.
So ist es das Schicksal von Angela Merkel, dass sie Europa führen
muss, die Europäer es aber nicht merken sollen. Sie muss die Eiserne
Kanzlerin geben, muss aber mit den anderen, stolzen Nationen
politisch kooperieren. Sie hat nicht mehr die finanziellen
Möglichkeiten für leise Lösungen nach ihren Vorstellungen.
Jetzt muss Europa - und Deutschland mittendrin - erwachsen werden.
Der jüngste Gipfel war ein guter Schritt dahin. Frau Merkel musste
nachgeben, wird aber weiter auf ihre Bedingungen bestehen: "Leistung,
Gegenleistung und Kontrolle" nannte sie das in der Nacht zum Freitag.
Deutsche Tugenden, mit denen sie in Europa Führungsaufgaben
übernehmen muss.
Rückfragehinweis:
KURIER, Chefredaktion
Tel.: (01) 52 100/2601
Digitale Pressemappe: http://www.ots.at/pressemappe/129/aom
*** OTS-ORIGINALTEXT PRESSEAUSSENDUNG UNTER AUSSCHLIESSLICHER
INHALTLICHER VERANTWORTUNG DES AUSSENDERS - WWW.OTS.AT ***
OTS0258 2012-06-29/17:00
|